Petra Ganglbauer, Im Augenschein der Dinge
Erika Kronabitter liest „Im Augenschein der Dinge“ von Petra Ganglbauer
„Ich möchte nicht in dieser Zeit / Und nicht in diesem Raum / Und nicht – wie Sturm und Flut – / Nicht / Ich sein.“
Petra Ganglbauer beginnt ihren Lyrikzyklus Im Augenschein der Dinge mit einer Absage. Die Gegenwart, Zeit und Raum, das eigene Sein wird in Frage gestellt. Die Verweigerung des Nicht allerdings wird mit einem isolierten „Nicht“ in der vierten Zeile unterbrochen: Einerseits lässt dieses „Nicht“ den Satz ins Leere laufen, andererseits kann es auch als „nicht Nicht-Ich“ gelesen werden. Der Wunsch des Ich sozusagen, sich selbst zu finden, selbst sein zu können, auf der Suche, selbst Ruhepol zu sein (im Gegensatz zu Sturm und Flut). Ein Spannungsfeld, das auf die nachfolgenden Gedichte verweist: Die Welt ist nicht mehr selbstverständlich bewohnbar, das Ich kann sich nicht mehr ohne Weiteres in ihr verorten.
Petra Ganglbauers Gedichte setzen an den brüchigen Stellen an, dort, wo sich die Welt nicht mehr in vertrauten Kategorien erfassen lässt und das Wahrnehmen selbst zur fragwürdigen Tätigkeit wird. Was sehen wir? Was entgeht unserem Blick? Wie sprechen wir über eine Wirklichkeit, deren Erschütterungen längst auch unsere Sprache erfasst haben?
Im Augenschein der Dinge verliert der Mensch seine selbstverständliche Stellung als wissendes Subjekt. Schon das erste Gedicht verweist auf die Verschiebung der Beziehung zwischen Mensch und Natur. „Auf der Hut / Vor dem Unbegrenzten/ Den Möglichkeiten/ Den Versauerten (Ozeanen)“, heißt es. Das Wasser, das Leben ermöglicht, erscheint zugleich als gefährdeter Lebensraum. Doch die Pointe liegt nicht allein in der ökologischen Bedrohung. „Das Wasser weiß, wir sind / Es nicht“: Der Mensch verliert hier seine selbstverständliche Stellung als wissendes Subjekt. Das Wasser wird zum Gegenüber, vielleicht sogar zum Träger eines Wissens, das sich dem menschlichen Zugriff entzieht. Und da ist noch viel mehr, auch die Sprache selbst scheint nicht mehr ganz sicher zu wissen, wie sie das Verhältnis zwischen Mensch und Welt fassen soll.
Die kurzen Texte treten wie konzentrierte Sprachereignisse hervor: Sie fordern keinen raschen Übergang zur nächsten Aussage, sondern eine Unterbrechung, ein Innehalten. Die Gedichte verdichten Wahrnehmung und Reflexion so stark, dass einzelne Wörter ihre gewohnte Bedeutung verlieren und neue Spannungen freisetzen.
Das zeigt sich besonders in „Kein-Blick“. Die „Einsamkeit / Der Fenster“ wird mit der Unmöglichkeit verbunden, durch sie hindurchzugehen. Fenster, eigentlich Öffnungen zwischen Innen und Außen, werden zu Grenzen. Sie erlauben einen Blick, aber nicht unbedingt eine Begegnung. Darauf folgt die beklemmende Feststellung: „Das Grauen / Bezeugen bewohnen wir blind / Den Ist-Zustand / Und machen uns kein Bild.“ Die Zeilen verschränken Zeugenschaft und Blindheit, als könnten wir mitten in einem Geschehen leben, ohne es wirklich wahrzunehmen. Das Grauen befindet sich nicht außerhalb unserer Welt. Wir bewohnen den Zustand und bleiben doch unfähig oder unwillig, uns ein Bild von ihm zu machen.
Damit berührt Ganglbauer eine zentrale Frage gegenwärtiger Existenz: Wie kann etwas zugleich sichtbar und unsichtbar sein? Wie kann eine Gesellschaft über Wissen verfügen und dennoch an der Wirklichkeit vorbeisehen? Das Gedicht legt keine Antwort nahe. Die sprachlichen Brüche lassen vielmehr erkennen, dass das Problem nicht allein darin liegt, was wir sehen, sondern auch darin, wie wir das Gesehene in unser Bewusstsein aufnehmen.
Diese Verunsicherung betrifft nicht nur das Verhältnis zur Natur, sondern ebenso die Möglichkeit, dem Anderen nahe zu kommen. Im Gedicht „(Geschleudert)“ heißt es: „Es wird nie nah ganz / Nah am anderen (Land)“. Das andere Land kann als geografischer Raum, als fremde Wirklichkeit oder als Bild für ein Gegenüber gelesen werden. Die Nähe bleibt unerreichbar. Es fehlt die Kraft, „Um anzukommen“, und auch der „Rundblick“ ist verloren gegangen. Was sich hier als räumliche Bewegung ankündigt, wird zu einer existenziellen Erfahrung: Wer den Überblick verliert, findet womöglich keinen Weg mehr zum Anderen. Die Welt erscheint als eine Landschaft, in der Orientierung und Ankunft fraglich geworden sind.
Ein verwandtes Motiv findet sich auf Seite 35 „Land(Verlust) während / Die Wörter nicht währen“. Das Land und sein Verlust werden in einem einzigen Wort ineinander geschoben. Zugleich zerfällt die vertraute Verbindung zwischen Wörtern und Dauer: „Die Wörter nicht währen“. Sprache sollte bewahren, Erinnerung ermöglichen, Erfahrungen festhalten. Doch auch sie scheint ihre Verlässlichkeit eingebüßt zu haben. Die Wörter werden „Nur herumgeschoben / Zwischen haltlosen Sätzen“ – hier sei auf die Aussagen vieler Politiker verwiesen, Lügen, Diffamierungen und aus dem Kontext gerissene Aussagen bieten keine Gewähr mehr. Nicht nur die Wörter und Wahrheiten werden herumgeschoben, die Menschen werden zum Spielball der politischen Kräfte, bis „Am Ende kein Wort- / Schatz“ bleibt. Die Trennung des Kompositums nimmt dem Wortschatz seine selbstverständliche Geschlossenheit. Was gewöhnlich Reichtum und Verfügbarkeit bezeichnet, erscheint nun als etwas, das zerrissen wird und sich auflöst.
Petra Ganglbauers beschreibt die Erschütterung der Welt nicht nur, sondern lässt diese in der Sprache selbst stattfinden. Worttrennungen, Klammern, abrupte Zeilenwechsel, kursive Einwürfe und syntaktische Verschiebungen sind keine bloßen dekorativen Verfahren. Sie stellen die gewohnten Zusammenhänge infrage. Die Sprache gerät ins Stocken, weil die Wirklichkeit, von der sie sprechen will, keinen sicheren Halt mehr bietet. Dabei bleibt offen, ob die Wörter an der Welt scheitern oder ob erst ihre Störung sichtbar macht, was in den vertrauten Formen des Sprechens längst nicht mehr aufgeht.
Nach den ersten Gedichten unterbricht nach Seite 29 eine doppelseitige, von Josef Ondracek gemalte Bildarbeit (Seiten 30 und 31) den Textfluss. Diese Zäsur lässt sich als visuelle Gegenbewegung zum sprachlichen Verdichten lesen: Das Bild eröffnet einen anderen Wahrnehmungsraum, in dem nicht jede Erfahrung in Worte überführt werden muss. Zudem ist das Bild in der Fadenheftung des Lyrikbandes so eingebunden, dass es herausgelöst und als eigenständiges Bild verwendet werden könnte.
Im zweiten Teil tritt die gesellschaftliche Dimension der Gedichte noch deutlicher hervor. „Verzählte Welt!“ lautet der Auftakt eines Textes, der „Brüche oder kantige / Revolutionen“ aufruft, dann aber mit der ernüchternden Einschränkung „klein von Zahlen“ konfrontiert. Die Statistiken können als eine Form des Ordnens und Zählens betrachtet werden, die einen Überblick auf das Geschehen geben soll und zugleich alles auf Zahlen reduziert. Die Schlussformulierungen – „So voll. So Aussicht! / So Los!“ – erzeugen einen Sog zwischen Überfülle und Aussichtslosigkeit, zwischen dem Gefühl, dass alles zu viel wird, und dem Verlust einer Perspektive. Die Welt ist nicht einfach leer oder erschöpft. Sie ist übervoll mit Ereignissen, Daten; Statistiken und Evaluierungen, während die Möglichkeit, daraus Orientierung zu gewinnen, schwindet: Die Welt hat sich „verzählt“, hat falsch gezählt, falsch erzählt oder ist aus dem Zusammenhang geraten. Zählen und Erzählen, Statistik und Geschichte, Zahl und Bedeutung stehen nebeneinander, ohne einen Mehrwert zu generieren. Was lässt sich überhaupt erfassen, wenn wir glauben, die Welt und ihre Geschehnisse durch Zahlen vollständig beschreiben zu können?
In „Die Reich-Weite der Welt / Der Aus-Zeit / Rafft zitternd / Zusammen / Was nicht mehr / Hält“ (Seite 41) arbeitet die Lyrikerin mit der Sprache, indem sie Wörter auseinandernimmt und neu zusammensetzt. Reichweite und Auszeit werden optisch auseinandergezogen; die vertrauten Begriffe beginnen, ihre Bedeutungen zu verschieben. Die Welt rafft (sich) zusammen, ein zitterndes Greifen nach der letzten Stabilität. „wir fürchten den Griff / der Leere“: In dieser Schlusswendung wird die Leere beinahe körperlich. Sie ist kein bloßer Mangel, sondern etwas, das nach uns greift. Die Angst richtet sich nicht mehr auf den Verlust dessen, was noch da ist, sondern darauf, dass sich eine unfassbare Leere unser bemächtigt, die uns ins Bodenlose fallen lässt.
Am Ende des Zyklus steht ein Bild der Überfülle, allerdings darf sich die/der Leser:in auch hier keinen Trost erwarten: „Schwillt an, die ganze Erde / Läuft über, endgelagert / & / Kann nicht untergehen!“ Unweigerlich wird der Zustand des Endlagerns mit Atom/Kernspaltung in Zusammenhang gebracht, mit Giften, Plastik und all dem Müll, der vom einen Teil in andere Teile der Welt verfrachtet wird. Es ist die Vorstellung von etwas auf, das dauerhaft (sicher) verwahrt (versteckt oder vergraben oder im Meer versenkt) werden soll, dessen Folgen sich aber nicht einfach abschließen lassen. Die Erde kann nicht untergehen – ein Satz, der zugleich trotzig, verzweifelt und bedrohlich klingt. Was nicht untergeht, ist möglicherweise trotzdem nicht gerettet. Wenn Atom- und anderer Müll vielleicht ins Meer versenkt werden kann: Es bleibt, überdauert, lagert trotzdem auf dieser Welt. Die Welt selbst ist deshalb nicht erlöst, sie kann nicht untergehen. Sie bleibt bestehen.
Im Augenschein der Dinge ist kein Band, der die Dinge einfach vor Augen führt. Er untersucht vielmehr die Störungen des oberflächlichen Augenscheins: die Blindheit mitten im Wissen, die Distanz mitten in der Nähe, die Sprachlosigkeit mitten im Sprechen. Petra Ganglbauer misstraut der Vorstellung, die Welt lasse sich durch positives Herbeireden wieder in Ordnung bringen. Ihre Gedichte flüchten nicht in eine versöhnliche Perspektive, sondern machen die Risse sichtbar, die sich durch Wahrnehmung und Wirklichkeit ziehen.
Die Texte fordern dazu auf, sich nicht mit dem bloß Sichtbaren zufriedenzugeben, Statistiken nicht mit Erkenntnis zu verwechseln und die Grenzen der eigenen Wahrnehmung, die diffusen Ahnungen ernst zu nehmen. Sie zeigen, wie leicht sich ein Zustand bewohnen lässt, ohne ihn wirklich anzusehen – und wie brüchig Sprache werden muss, wenn sie versucht, das Unsagbare dennoch zu benennen.
Petra Ganglbauer erweist sich einmal mehr als Meisterin der poetischen Kassandra. Wie in ihren bereits vorliegenden Werken nimmt sie in ihrer Poesie eine scharfsichtige Haltung ein. Sie ist Ruferin und Warnerin in einer Welt, die es vorzieht, Probleme mit Kitsch und Klischees zu übertünchen. Die Risse sind da, doch sie sprechen nicht von selbst, sie rufen nicht. Ganglbauer lässt die Dinge hervortreten, gibt den Rissen eine Stimme – sie stellt sich dieser Aufgabe, ohne die Widersprüchlichkeiten auflösen zu können bzw. zu wollen. Dabei verwendet sie eine Sprache, die die Unsicherheit nicht verschweigt und nicht beschönigt und lässt die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit bestehen: gefährdet, übervoll, haltlos – und entlässt sie gerade deshalb nicht aus dem beobachtenden Blick. Petra Ganglbauers Lyrik lädt dazu ein, den Blick nicht als Besitz zu verstehen, sondern als Aufgabe. Die Dinge in Augenschein zu nehmen bedeutet hier, die eigene Wahrnehmung zu befragen, die Bequemlichkeit vertrauter Vorstellungen zu verlassen und sich dem auszusetzen, was sich nicht sofort erschließt. Der Augenschein erweist sich somit als Anfang, nicht als Ergebnis der Erkenntnis.
Petra Ganglbauer: Im Augenschein der Dinge. Lyrikzyklus
Juli 2026
Edition Melos, 60 Seiten
ISBN 978-3-903686-06-9
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