Lisa Spalt, Das verwirrte Tier
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Lisa Spalt, Das verwirrte Tier

Lisa Spalt, Das verwirrte Tier

Marcus Neuert liest „Das verwirrte Tier“ von Lisa Spalt

Die Rezension ist erstmals auf der Seite des Literaturhaus Wien erschienen.

Die Meisterin der sanften Subversion

Mit ihrem Buch Das verwirrte Tier macht die aus Hohenems stammende, heute in Linz und Wien lebende Autorin Lisa Spalt wieder einmal exemplarisch vor, wie eine Auseinandersetzung von experimenteller Literatur mit dem Genre des Fantastischen funktionieren kann. Der Text lädt das Publikum zu einer Reise ein, die gleichzeitig weltumspannend und introspektiv ist – voll einerseits analoger Stimmungen, Gedanken und Verfasstheiten wie andererseits auch digitaler (Alp-)Träume. Das geschieht ironisch, surreal und ist für jene, die Spaß am Überschreiten konventioneller Denkhorizonte haben, stets ein grandioses Lesevergnügen.

Die Grundlage des neuesten Werks von Lisa Spalt orientiert sich an einem imaginären Pen-and-Paper-Rollenspiel namens Der rote Knopf – ein Hinweis, der sich erst am Ende des Buches findet. Dies vorauszuschicken ist jedoch kein Akt von Spielverderberei, kommt es doch weniger auf eine zeitlich und räumlich nachvollziehbare Handlung im eigentlichen Sinne an, als vielmehr auf die Tatsache, dass es sich bei diesem Text um eine Art Versuchsanordnung handelt.

Da sind zunächst drei Psychopathen, die einerseits als menschlich charakterisiert werden, aber gleichzeitig so etwas wie Gottheiten zu sein scheinen. In gewisser Weise wirken sie wie Sinnbilder für die äußere Welt und ihren Einfluss auf die Individuen in ihr. Sie halten sich ein Terrarium mit Gottesanbeterinnen, in welches sie aus demiurgischer Langeweile Objekte verbringen, mit denen die Tiere interagieren. Die Tiere leben in ihrer ansonsten abgeschotteten Welt; von außen gibt es eine vage Bedrohung durch die sogenannten raubtierhaften „Kojotis, die (zumindest in der Theorie der Versuchsanordnung) eventuell eindringen könnten. Das Gebiet des Terrariums nennt ein mit allem in enger Beziehung stehendes Ich „Pandoropan d’oro: das goldene Brot (S. 13), welches sich wiederum aus dem physischen Körper einer Gottesanbeterin, einem Kopf, als Über-Ich definiert, und den erwähnten Kojotis als Freudsches Es zusammensetzt: „[I]n Pandoro biete ich euch meine Vorstellung dar, und nur die Psychopathen kapieren nicht, dass sie mein Leben ist. (S. 45).

Der Begriff „Vorstellung ist hier im doppelten Sinne zu verstehen: als mentale Aktivität und als Theateraufführung. Die einzelnen Figuren, die sich immer wieder zu Wort melden, das „Ich, „mein Kopf, „meine Vorstellung, der „Chor der Gottesanbeterinnen usw. geben der Prosa von Lisa Spalt auch etwas von einem Bühnentext. Es könnte durchaus spannend sein, ihn in einer szenischen Lesung zu mehreren Stimmen dargeboten zu bekommen.

Mit welch originellem Scharfsinn Lisa Spalt operiert, wird an liebevollen Details ihres neuen Buches offenbar: schon der grüne Fronteinschlag des Covers ist so gestaltet, dass man ihn theoretisch in mehrere Streifen schneiden könnte, auf welchen eingängige Forderungen des von ihr gegründeten Instituts für poetische Alltagsverbesserung zu lesen sind und die beispielsweise als Buchzeichen zu verwenden wären: „WIR RUFEN NACH DER WEICHEN HAND“, „GELD MUSS ENDLICH ESSBAR WERDEN“ oder auch „ÜBT DIE VERGEBLICHE GESTE“ (alle o. P.). Für dieses Design zeichnet auf wirklich gelungene kongeniale Weise die Umschlaggestalterin Mirjam Riepl verantwortlich. Die Postulate selbst gründen sich jedoch auf langjährige literarisch-gesellschaftliche Positionen Lisa Spalts und siedeln an jener Grenze zwischen Poesie und Satire, an der ein gangbarer Weg in eine literarischer Zukunft erkennbar werden kann. Die Zusammenarbeit mehrerer künstlicher Intelligenzen mit der Autorin führt überdies zu einer der Figuren ihres Buches namens „irre smartes System (vgl. S. 202).

Es braucht nicht unbedingt die scharfe Abgrenzung auktorialer Bemühungen von künstlicher Intelligenz, diese kann im Gegenteil in einem Akt fruchtbarer Umarmung poetisch überformt und zu Ergebnissen mit echtem künstlerischem Mehrwert verschmolzen werden. Dass dies in der Praxis nur wenigen Ausnahmetalenten wie Lisa Spalt gelingen mag, steht freilich auf einem anderen Blatt geschrieben. Die Hervorbringungen des irre smarten Systems sind gemessen am Einfallsreichtum Lisa Spalts relativ harmlose Textpassagen, die überdies eher den Erwartungshaltungen eines Massengeschmacks entsprechen. Erst durch den Einfluss des Geistes und der Hinterfragung durch die Autorin transformieren sie sich zu etwas Surreal-Verspieltem, das den Text immer wieder elegant weiterträgt.

Doch auch mit vertrackten Neologismen wie jenem des Dekoms, das Lisa Spalt als „die kleinste dekorative Einheit” (S. 30) verstanden wissen will arbeitet sich die Autorin mit viel Fantasie und gleichzeitig einem genauen analytischen Blick auf Wirklichkeit an ihre ureigene Version von zeitgemäßem Schreiben heran – es geht offenbar hierbei weniger um ein amtliches Endergebnis, sondern um einen scharfsinnigen Prozess, der bestenfalls geeignet ist, die Autorin und ihre Lesegemeinde in ein poetisches Alltagshandeln zu bringen.

Bei alledem drängt sich zuweilen ein Postulat Hugo von Hoffmannsthals auf: „Es führt von der Poesie kein directer Weg ins Leben, aus dem Leben keiner in die Poesie.“1 Bei der Lektüre von Lisa Spalt hat man den Eindruck, dass es der Dichterin im Gegenteil sehr darum zu tun ist, Kunst und Leben wieder in eins zu denken, zu schreiben und – zu leben. Wofür sonst sollte ihr Institut für poetische Alltagsverbesserung stehen? Aus ihrem Werk, und zumal aus dem neuesten, Das verwirrte Tier, spricht diese unerschütterliche Gewissheit, dass es möglich sein muss, eine Existenz zu führen, in der das Künstlerische nicht nur Platz oder Berechtigung hat, sondern eine unabdingbare Voraussetzung für diese Existenz ist. Sie beklagt nicht wie Hoffmannsthal den Verlust von Ganzheit in der Kunst, sie richtet sich – und damit auch ihr Lesepublikum – in den Schnipseln, Zeichen und Artefakten ein, aus denen sich Welt manifestiert: „Die Liebe zum Verworfenen ist eine Generationsmöglichkeit für Fürsorge, die man sich selbst schenkt.“ (S. 129). Die Parallelen bis zurück zu Lisa Spalts Prosaband Dings von 2012 und die fortgesetzte Beschäftigung der Dichterin mit dieser Thematik sind dabei unübersehbar.

Gleichzeitig dekonstruiert sie Walter Benjamins Satz vom Verlust der Aura des Kunstwerks im Zeitalter der Reproduktion. Bei ihr gibt es keine perfekte Kopie als Entseelung des Originals mehr; sie schafft im künstlerischen Prozess „schiefe Nachäffung von Serienproduktion“ (S. 131), bzw. „die Vielheit von in Nuancen vielgestaltigen Waben“ (ebd.). Die Nachbildung wird selbst wieder zum Original, weil letztlich weder Mimikry im klassischen noch Reproduktion im Sinne Benjamins intendiert sind.

Mit Das verwirrte Tier zeigt sich Lisa Spalt einmal mehr als Meisterin der sanften Subversion, die auf die Kraft der Kooperation setzt (viele Danksagungen an und Verweise auf befreundete und von der Autorin genau studierte Künstler aller Sparten zeugen davon) und die zuletzt das „irre smarte System“ gar durch das „irre aparte System“ zu ersetzen weiß: Empathie und Lebensfreude triumphieren über die gehorsamen Algorithmen der Psychopathen. Ein immerhin wenigstens literarischer Systemwechsel, der eigentlich nur guttun kann.

1 Hugo von Hoffmannsthal: Poesie und Leben. (Aus einem Vortrage.) Die Zeit. Wiener Wochenschrift für Politik, Volkswirthschaft, Wissenschaft und Kunst. Bd. 7, 1896, Nr. 85, 16. Mai, S. 104-106.

Lisa Spalt
Das verwirrte Tier
Wien: Czernin Verlag, 2026.
207 Seiten, Klappenbroschur.
ISBN: 978-3-70760895-3.

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