Bastian Kresser, Verformung
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Bastian Kresser, Verformung

Bastian Kresser, Verformung

Barbara Pfeifer liest ‚Verformung‘ von Bastian Kresser

Der Zeitgeist verlangt uns allen einiges ab: immer schneller, immer weiter, immer höher. Erschöpfung scheint dabei weniger Ausnahme als vielmehr logische Konsequenz zu sein. Bastian Kresser greift diese Überforderung in seinem Roman ‚Verformung‘ auf und nähert sich ihr mit großer Ruhe und psychologischer Genauigkeit – ohne Effekthascherei.

Im Zentrum steht Marc, der beruflich eigentlich an einem Punkt angekommen ist, den viele als erstrebenswert bezeichnen würden: eine verantwortungsvolle Position bei einer angesehenen Firma. Doch Marc befindet sich am Ende einer Burnout-Phase und verabschiedet sich in ein Sabbatical – weniger aus Überzeugung als aus Notwendigkeit. Ein zunächst skeptisch betrachtetes Geschenk wird zum Ausgangspunkt seiner Entwicklung: ein Gutschein für einen Schmiedekurs im Spreewald.

Dieser Kurs führt Marc aus Berlin an einen Ort, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Hinter schweren Türen verbirgt sich die Schmiede von Niels, bei dem Marc der einzige Kursteilnehmer ist. Daraus entwickelt sich eine besondere Beziehung, die Marc schließlich dazu verleitet, Niels nicht nur als Freund, sondern auch als „Meister“ zu bezeichnen. Niels bleibt eine rätselhafte Figur: wortkarg, zurückgezogen, deutlich abgesetzt von der Welt, aus der Marc kommt. Gerade diese Fremdheit wirkt zwar irritierend, aber auch anziehend. Die Schmiede wird zur Gegenwelt – zu einem Raum, in dem andere Regeln gelten als jene der beschleunigten Arbeitsrealität.

‚Verformung‘ ist kein Werk für Eilige. Die Abläufe in der Schmiede werden detailliert geschildert, Arbeitsprozesse nachvollziehbar gemacht. Gemeinschaft entsteht durch gemeinsam verrichtete körperliche Arbeit, durch Aufräumen, Feierabend und Rückzug. Diese entschleunigte Erzählweise verlangt Geduld, schafft jedoch eine dichte Atmosphäre.

Was zunächst wie ein handwerklicher Kurs erscheint, entfaltet damit nach und nach eine tiefere Bedeutung. Das Schmieden, das Bearbeiten von Material unter Hitze und Druck, wird zur zentralen Metapher des Werks. Der Titel des Romans meint nicht nur die Veränderung von Metall, sondern auch die von Menschen. Besonders jene, die erschöpft oder orientierungslos sind, erweisen sich als empfänglich für neue Einflüsse. Kresser beschreibt diesen Prozess ruhig und feinfühlig, ohne einfache Antworten zu liefern.

Mit dem Auftauchen der Journalistin Nina gewinnt die Handlung an Zugkraft. Ihr Interesse an Niels und seiner Ehefrau Ruth, die zurückgezogen leben und dennoch immer wieder rätselhaften Besuch erhalten, eröffnet neue Spannungsfelder. Themen wie rechte Ideologien und Hackeraktivitäten werden eingeführt und erläutert; unterschwellig stellt sich die Frage, wem noch zu trauen ist. Dies erweitert zwar den Blick auf Manipulation und Beeinflussbarkeit in Krisenzeiten sowie auf technische Gefahrenquellen, gerät jedoch stellenweise in einen stark erklärenden Ton, der den Fortgang der Handlung eher hemmt als vorantreibt – und die angedeutete Spannung bisweilen zurückschraubt.

Trotzdem bleibt ‚Verformung‘ ein Roman, der nachwirkt – gerade weil er keine schnellen Antworten liefert. Er lädt dazu ein, innezuhalten, die eigene Geschwindigkeit zu hinterfragen und die leise, tiefgreifende Entwicklung eines Menschen nachzuvollziehen, der seine Richtung verloren hat und neu formbar geworden ist.

Bastian Kresser
Verformung
Braumüller Verlag, 01.10.2025
ISBN 978-3-99200-397-6
Gebundene Ausgabe, € 26,–

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