Tina Strohmaier, Ein Goldhügel im Gaumen
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Tina Strohmaier, Ein Goldhügel im Gaumen

Ein Goldhügel im Gaumen

Tina Strohmaier, Ein Goldhügel im Gaumen

Klaus Ebner liest Tina Strohmaiers Ein Goldhügel im Gaumen

Eine Autofahrt – mit Zwischenstopps – durch Vorarlberg, Tirol und Bayern; eine Lateinprüfung an der Universität, die Voraussetzung für das weitere Studium ist; Gedanken einer Ich-Erzählerin, die solche Äußerlichkeiten auf sich wirken lässt und sie in den Kontext ihrer gesamten Lebenssituation setzt: All das steckt im Erstlingsroman von Tina Strohmaier, Ein Goldhügel im Gaumen. Die Erzählerin bricht auf zu ihrer wichtigen Lateinprüfung und wird von Zweifeln geplagt, ob ihre Vorbereitungen tatsächlich ausreichen. Wir erleben mit, wie während der Fahrt immer wieder lateinische Vokabeln hochkommen, deren korrekte Form hinterfragt wird und die, bei Verben, zum Ankonjugieren führen, die aber die Erzählerin auch gehörig durcheinanderbringen und verunsichern: »und das alles nur, weil ich zu lange einen Parkplatz suchen musste, suchen … hm … ›quaerere‹? stimmt das? und ich selbst musste suchen, was heißt das? … ›ipsa‹? ›ipsa‹ irgendwas? ›quaerō‹?« (S. 20) Der zeitliche Bogen spannt sich bis zu jenem Punkt im Buch, an dem wir das Ergebnis der Prüfung erfahren. Dazwischen gibt es Urlaub in Bayern und viel viel Nachdenken …

Die Ich-Erzählerin wendet sich an eine zuhörende Person, ohne je genauer zu definieren, ob es sich dabei um Leser*innen oder jemand anderen handelt. Gleich der erste Satz beginnt mit: »Du, ich beginne meine Reise erst einmal mit einer Fahrt nach Innsbruck, um dort die Lateinprüfung hoffentlich positiv zu absolvieren.« (S. 7) Das ist die Ausgangslage, und dieses »Du« wird im Laufe des Romans wiederholt angesprochen, um wieder in Erinnerung zu rufen, dass es sich beim Text nicht nur um einen Gedankenfluss, sondern eigentlich eine Art Dialog handelt, ohne freilich irgendwelche Antworten der angesprochenen Person vorzufinden.

Neben den Stationen der Fahrt, die genannt werden und eine Reihe von Reflexionen in Gang setzen, nimmt die Erzählerin manchmal Bezug auf geopolitische Ereignisse, da sie nämlich während des Autofahrens Radio hört. So ist vom Ukraine-Krieg ebenso die Rede wie von diversen gesellschaftspolitischen Nachrichten. Witzige Einlagen gehen auf die Namen unterschiedlicher Orte im Dreieck Vorarlberg-Tirol-Bayern ein, suchen nach Erklärungen und nehmen Bezug auf Kindheitserinnerungen, die mit manchen dieser Orte verbunden sind. Tina Strohmaier spielt auch gern mit Worten, und dann treffen wir auf Formulierungen wie diese: »Abendessen und ein bisschen Fernsehprogramm am Laptop. In Amerang hätten sie hier eine Kirche, aber Gott weiß, wer weiß, wann Gottesdienst ist?« (S. 48)

Das autobiografische Element ist in diesem Roman nicht zu übersehen. Dennoch ist es eine literarische Figur, die hier spricht. Erzählt wird von vielen Gefühlen: Die Ängste vor der Lateinprüfung sind die eine Sache, aber neben den Reminiszenzen an die Kindheit kommen auch Gedanken zum Lebensgefährten »S.« vor, der die Erzählerin nicht auf dieser Reise begleiten konnte und daheim wartet beziehungsweise seinem eigenen Beruf nachgeht. Eine ganz spezielle Note bekommt der Text, indem Gesprochenes tatsächlich im jeweiligen Dialekt geschrieben ist; zu lesen sind Vorarlbergisch, Tirolerisch und sogar Bayrisch: »Sag, wia hoaßtn du? (…) das Zimmer ist also no net hergricht.«, und ein paar Zeilen weiter die Antwort der Vorarlbergerin: »(…) ischt okay!« (S. 41) Da ich die Autorin schon bei zwei Veranstaltungen erlebt habe, höre ich beim Lesen insbesondere der dialektalen Einsprengsel ihre Stimme.

Und dann traf ich auf eine wunderschöne Episode, die mich fast den Atem anhalten ließ: »Mir kommt dann kurz der Gedanke, den hatte ich noch nie, wie wäre es, wie, mir vielleicht noch mehr Energie von den Bäumen zu holen · wenn ich hier an Ort und Stelle einen Baum umarmen würde, was würde passieren?« Die Erzählerin steigt tatsächlich aus dem Auto, geht auf einen Baum zu, und dann »(…) lege ich mich mit dem Bauch, drücke meinen Bauch an ihn · ich hoffe, ich komme ihm nicht zu nahe, und dann lege ich meine Arme weit ausgestreckt, ganz ausgestreckt um ihn herum, mein rechtes Ohr an ihn gelegt, die Augen geschlossen, und das tue ich nicht für ein paar Sekunden, sondern für eine ganze Minute und schweige, (…)« (S. 82). Bei meiner Lektüre legte ich das Buch beiseite und schloss ebenfalls die Augen, einfach, um mir diese Begebenheit bildlich vorzustellen und sie auf mich wirken zu lassen.

Die Ich-Erzählerin steuert schließlich auf das Ende ihrer Reise zu. Sie nimmt das Ergebnis der Lateinprüfung von der Innsbrucker Universität auf der zugehörigen Webseite entgegen, und dann geht es heimwärts. Die erlebten Unsicherheiten sind fürs Erste vorbei, aber der Gedankenstrom, der inhaltlich ja mehrere Tage umfasst, zieht sich vom Anfang bis zum Ende des Buches durch, reflektiert über Landschaften und Orte ebenso wie über Freundschaften und das Leben mit S., das gewissermaßen an seinem Anfang steht.

Erschienen ist das Buch in der Wiener Edition fabrik.transit, als kleinformatiges Hardcover. Eine farblich verfremdete Landschaft ziert die Buchdecke und weist damit dezent auf die natürlich subjektive Wahrnehmung der Erzählerin hinsichtlich ihrer Umgebung hin. Ein Goldhügel im Gaumen ist nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Buchgestaltung her ein gelungenes Debüt.

Tina Strohmaier:
Ein Goldhügel im Gaumen. Roman
Edition fabrik.transit, Wien 2024, 132 Seiten
ISBN 978-3-903267-67-1