Rebekka Moser, Tief
Natascha Soursos liest „Tief“ von Rebekka Moser
Kommissar Heinzle ist zurück. In ihrem zweiten Thriller greift die Vorarlberger Autorin Rebekka Moser erneut auf diese Figur zurück. Der Kommissar ist bereits aus „Unten“ bekannt, und die neue Geschichte knüpft fast reibungslos daran an. Heinzle trauert noch immer um seine Frau, auch wenn er sich – zugegeben wenig motiviert – auf eine neue „Beziehung“ einlässt. Auch seine Tochter Christina ist wieder mit dabei. Sie ist erwachsen geworden, beginnt fernab von ihrem Vater zu studieren und stellt ihm zum ersten Mal einen Freund vor. Dieser wird natürlich prompt eine Rolle bei der Lösung des Falles spielen und Heinzles eigene, bisher vor allem theoretische, linke Haltung gegenüber Migranten auf die Probe stellen.Als Pendant zum schwermütigen, nachdenklichen Kommissar Heinzle fungiert sein bester Freund und Profiler „Sense“. Er bringt mit seinem italienischen Charme, seinem Humor und seiner Unbeschwertheit Leichtigkeit in die Geschichte. Er hält sich nicht an Regeln, stellt aber immer wieder die richtigen Fragen und legt den Finger in die Wunde – vor allem bei Heinzle. Dieser kämpft auch in seinem zweiten Fall nicht nur um die Aufklärung der Verbrechen, sondern auch mit sich selbst, gegen den konservativen Polizeiapparat und um Social Media-Follower:innen. Hier auch gleich eine Kritik: der kometenhafte Aufstieg vom Social-Media-Neuling Heinzle zum gefragten Social Media-Star scheint etwas übertrieben.
Das Buch ist definitiv nichts für Zartbesaitete mit großer Fantasie. Denn die Morde – davon gibt es im sonst so idyllischen Bregenz dieses Mal gleich mehrere – sind so einfallsreich wie grausam und werden von Rebekka Moser so detailliert beschrieben, dass man die Opfer schockierend klar vor sich sieht. Vor allem der erste grausame Mord an einem Kind geht unter die Haut und erfordert eine Lesepause. Kommissar Heinzle steht unter großem, auch öffentlichem Druck, denn es folgen immer mehr Tote. Gleichzeitig wird die Ermittlungsarbeit von höheren Stellen sabotiert und wichtige Informationen werden zurückgehalten. So verläuft die Aufklärung schleppend über mehrere Monate hinweg. Der Frust bei Heinzle und damit auch den Leser:innen wächst.
Die Spur führt in das Milieu von Geflüchteten und Migrant:innen, in dem jeder jeden kennt, aber niemand mit der Polizei spricht. Wie bereits im ersten Roman spielen brandaktuelle gesellschaftliche Fragen sowie die Themen Migration, Alltagsrassismus und Fremdenhass eine große Rolle. Moser greift Klischees auf, gibt aber auch einen empathischen Einblick in das Leben von Geflüchteten, zeigt deren Ängste – insbesondere jene von Jugendlichen – und beschreibt ihre Versuche, in einer brüchigen Welt Fuß zu fassen. Gleichzeitig taucht sie ein in ein kriminelles Milieu rund um Menschen, die sich nicht integrieren wollen und im Fundamentalismus Halt suchen. Eine tragende Nebenrolle spielen dabei die Vorarlberger Landeshauptstadt Bregenz und der Bodensee, denn die Morde haben zwei Gemeinsamkeiten: das Wasser und das Motiv der Rache.
Das Buch ist extrem spannend. Als Leser:in hat man lange Zeit keine Ahnung, wer hinter den Taten stecken könnte. Obwohl die Autorin ab der Mitte des Buches Einblicke in die Psychologie der Täterschaft gibt und versucht, deren Beweggründe zu erklären, bleibt am Ende vor allem eines: Fassungslosigkeit über die Absurdität von Rache und eine tiefe Traurigkeit über die Sinnlosigkeit dieser Morde. Obwohl der Thriller fiktiv ist, wirkt das Szenario erschreckend realistisch. Er führt uns vor Augen, dass wir selbst im idyllischen Vorarlberg nicht auf einer „Insel der Seligen“ leben, sondern uns mit aktuellen gesellschaftlichen Themen wie religiöser Radikalisierung, Integration und unserer eigenen Haltung dazu auseinandersetzen müssen.
Am Ende bleibt die fundamentale Frage: Wer darf rächen, und wer hat es verdient zu sterben?
Rebekka Moser
Tief
Emons Verlag, Köln 2026
336 Seiten
ISBN 978-3-7408-2849-3
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