Literatur Vorarlberg

V#21 "Kinderleben"

Mutterleben
Daniela Egger

Das Glück vor der Welt

„Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die Welt des Unglücklichen.“
Ebenso verhält es sich mit der Welt der Mütter. Denn da mir zu jedem Zeitpunkt immer nur eine Wirklichkeit gegeben ist, ist diese meine Welt. „Die Welt und das Leben sind Eins.“ Ich lebe in einer deutlich veränderten Welt, seit ich Mutter bin. Sie hat nicht abgenommen, wie die Welt des Unglücklichen, sondern sie hat sich verdichtet. Die Verdichtung manifestiert sich in den sichtbaren ebenso wie in den unsichtbaren Räumen und unterscheidet sich weniger durch das Glück, obwohl sich auch dieses auf geheimnisvolle Weise intensiviert hat, als vielmehr durch eine radikale Verwundbarkeit, die es vorher in meinem Leben nicht gab. Als wäre die Drehzahl allgemein erhöht worden, streift die Alltags-Spirale immer wieder an diesem flüchtigen Glücks-Teilchen entlang und erleuchtet den Tag mit seinen Kinderwindeln, Spielzeughalden, Wäschebergen und den schönen, stillen Momenten. Dahinter aber schimmert diese neue Art der Verwundbarkeit, eine, die mich zum ersten Mal in meinem Leben in Schrecken versetzt. Während mein kleiner Sohn seine Begeisterung mit butterverschmierten Fingern auf die Fensterscheibe malt, weiß ich um meine neue Verwundbarkeit und kaue dieses Wissen in alltagstaugliche Bissen zurecht. Ich will es mir einverleiben, damit ich es zur Sprache bringen kann, damit es mich mit seiner Kraft erfüllt anstatt mich zu erdrücken.
“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Ich kann sprachlich nicht an die Fülle reichen, die dieses neue Wesen in mein Leben bringt. Unver….! an diese Silben lassen sich zahlreiche, in ihrer Reichweite unzureichende Begriffe anfügen. Unverschämt, unverdorben, unverbildet …. sie reichen alle nicht an dieses reine UNVER… hin. Unvermittelt bricht das pure In-Besitz-Nehmen in jedem Augenblick aus ihm hinaus in die Welt. Die reine Kommunikation der Freude mit der Welt über ihre Erscheinungen. Noch sprachlos, besitzt er bereits seine ausgedehnte Welt und erobert täglich einen neuen Kontinent. Es muss auch in Wittgensteins Wirklichkeit vor der Sprache eine Welt gegeben haben, so will ich ihn jedenfalls verstehen. “Daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten.” Die Telepathie gehört den Kindern, das wissen die Mütter, und sicher auch viele Väter mehr oder weniger deutlich. Ich beobachte die ersten Schritte meines Sohnes in die Fülle seltsamer Erscheinungen, noch vor der Sprache und also keiner Bestimmung zugeordnet. Wie schnell sich dieser freie Raum zusammenfügt, aus Erfahrungen und Materie, die beide allmählich zu feststehenden Parametern werden. Meine Aufmerksamkeit ist das einzige Sicherheitsnetz, das sich im Notfall als hilfreich erweist. Das Wahrgenommenwerden, sich Verstandenfühlen, zumindest auf Interesse und Empathie zu stoßen, wenn die zu erobernde Umgebung sich als tückisch erweist. Reine Telepathie. Seine Erfahrungen zu teilen, mir vorzustellen, was in dem noch offenen und wachen Geist allmählich festgeschrieben wird, und mich zu fragen, ob ich irgendeinen Einfluss auf die Glücksfähigkeit dieses Menschen habe, da ich an seiner Seite stehe, während er seinen Anfang feiert… auch dies ist ein zweischneidiges Geschenk. Es liegt ein Keim in diesem Anfang, ein Leben beginnt und wird sich entfalten, und der Keim wird zu einer Blüte. Ob ihr Duft nach Glück oder Unglück riecht entscheidet sich irgendwo an diesem Beginn… oder möglicherweise sogar schon davor. Ich weiß es nicht und finde nichts zum Davor im Tractatus. „Die Welt erscheint mit dem Subjekt.“ Vielleicht ist das Glück vor der Welt zu Hause und es geht einzig darum, wie viel davon wir durch die enge Pforte der Weltwerdung bringen. Wie gerne erklären wir unsere Defekte und Mängel mit einer so- oder eben anders gearteten Kindheit, mit Erfahrungen auf die wir keinen Einfluss mehr haben wollen. Dass sie eigentlich nicht existieren, darin steckt eine entscheidende Glücksressource. Sie sind nichts als Erinnerung, und die ist eine unzuverlässige und sehr formbare Quelle. Ein letztes Mal: „Die Welt als logisches Gebilde ist eine Rekombination der Gegenstände – der Substanz der Welt – und unabhängig vom Subjekt.“ Man möge mir den unorthodoxen Zugang zu einem philosophischen Hochaltar verzeihen, aber ich habe von meinem Sohn gelernt. Entdeckerfreude und Glück sind meine unverschämten Freikarten.
In dieser Ausgabe der V# mit dem Titel Kinderleben waren die Autoren und Autorinnen aufgefordert sich zurückzubegeben, zurück an ihren Anfang und in eine Zeit, die vielleicht noch unzerschnitten vor ihnen lag. Die Texte enthalten alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zumindest die Spur dieses Keims, der jedem Wesen gegeben ist. Ob darin eine spätere Glücks- oder Unglücksfähigkeit durchscheint, mag jeder Leser selbst entscheiden. Dass dem Anfang ein machtvoller Zauber innewohnt, zu dem wir in jedem Alter Zugriff haben, lässt mich die Verdichtung meiner Welt genießen.

Inhaltsverzeichnis
Kinderleben

Vorwort
Herbert Sausgruber
Greti Schmid

Mutterleben
Daniela Egger

Kinderleben
Carola Kilga
Robert Schindel
Norbert Loacker
Christine Vigl
Kurt Bracharz
Bettina Fabjan
Norbert Mayer
Sebastian Schinnerl
Erika Kronabitter
Wolfgang Hermann
Arno Geiger
Martha Küng
Wolfgang Mörth
Constantin Göttfert
Andreas Horvath

Kinderblicke
Samuel Peter
Florentina Bösch
Wendelin Bösch
Leon Peter
Aurelia Bösch
David Bösch

Mutterleben
Gabriele Bösch

Biografien