V#19/20 "Drehbuch"
Vorspann
Walter Gasperi
Das Vorarlberger Filmschaffen findet im Ausland statt
In den Medien präsent ist das Vorarlberger Filmschaffen nur selten, dass es dennoch reicher und vielfältiger als allgemein angenommen ist, belegt diese Publikation. Zwar konnte nur ein Teil der angeschriebenen Filmemacher einen Beitrag beisteuern, dennoch spannt sich der Bogen der Auswahl vom Spielfilm über den Dokumentarfilm bis zu Crossovers mit der Bildenden Kunst. Von klassischen Drehbuchautoren kann dabei kaum gesprochen werden, denn die Autoren sind mit Ausnahme von Christian Futscher, der seine Drehbücher selbst aber wiederum als unverfilmbar bezeichnet, meist auch die Regisseure ihrer Filme. Zum Fehlschluss in diesen Autoren-Regisseuren Vertreter des klassischen Autorenfilms zu sehen, darf diese Personalunion freilich nicht führen.
Gleichzeitig wird ein Dilemma des Vorarlberger Filmschaffens sichtbar: Wer hauptberuflich in der Branche arbeiten und dabei nicht vorzugsweise Werbe- und Imagefilme für Tourismus oder Industrie wie Hanno Thurnher, sondern abendfüllende Spiel- oder Dokumentarfilme drehen will, muss emigrieren. Weder finden die Filmemacher im „Ländle” die entsprechende technische Infrastruktur noch können sie hier ein Netzwerk von Kontakten aufbauen, das für die Realisierung einer größeren Produktion unerlässlich ist. Nur ein Autodidakt wie Gerhard König, der mit einem sehr kleinen Team arbeitet, kann seine spartanischen Dokumentarfilme in Vorarlberg drehen, ohne freilich von dieser künstlerischen Arbeit, die in den letzten Jahren (KINDHEIT UND GEWALT) immer auch untrennbar mit seinem Engagement für die Kinderrechte verbunden ist, leben zu können.
Letzteres mag dem Andelsbucher Tone Bechter mit seiner Firma „tobe Film” zwar gelingen, doch kaum mit seinen mittellangen zeit- und kulturgeschichtlichen Erkundungen (WÄLDERTRACHT, DIE LETZTEN TAGE – LANGENEGG KRIEGSENDE 1945), die von regionalen Einrichtungen finanziert werden, sondern wie Thurnher wohl vorwiegend durch die Produktion von Werbefilmen und Videoclips.
Wer aber Filme fürs Kino machen will, geht ins Ausland oder zumindest nach Wien. Dabei entfernen sich die Vorarlberger Filmemacher nicht nur geographisch, sondern zumeist auch inhaltlich von ihrer Heimat. So entführen die idealistischen Revoluzzer in Hans Weingartners DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI den Berliner Geschäftsmann nicht nach Vorarlberg, sondern – aufgrund der Subventionierung durch Cine Tirol – an den Achensee. Und Roland Lang, der an der Filmakademie Baden-Württemberg studierte, drehte die Alpszenen von HASTIG WERDEN WIR LEISER zwar im Bregenzerwald, gibt die gezeigte Landschaft aber als tschechische aus. Jeder Vorarlbergbezug fehlt auch Langs dokumentarischem Diplomfilm KREUZWEGE, der den deutschen Bundestagswahlkampf und den Katholischen Weltjugendtag in Köln gleichschaltet, und seinen neuesten Film ARMEE DER STILLE drehte der Bregenzer mit dem beachtlichen Budget von einer Million Euro in einer stillgelegten Zeche in Sachsen. Ganz in der bundesdeutschen Fernsehlandschaft verankert ist auch Peter Gersina, der vor allem für Privatsender wie SAT 1 oder ProSieben Serien und Fernsehfilme teils schreibt, teils inszeniert, daneben mit MÄDCHEN, MÄDCHEN 2 und der Totengräbergeschichte VIENNA aber auch Kinofilme realisierte. Einen ähnlichen Weg scheint auch der in den USA lebende Christian Vuissa einzuschlagen, der nach mehreren Kurzfilmen mit der romantischen Komödie BAPTISTS AT OUR BARBECUE seinen ersten langen, durch und durch amerikanischen (!) Spielfilm vorlegte.
Dieser Publikumsorientierung stehen die vielfach sperrigen und engagierten Dokumentarfilme gegenüber. Auch hier fällt die internationale Ausrichtung auf. So setzt sich Katharina Weingartner, geprägt von ihrem jahrelangen USA-Aufenthalt, in ihren reportagehaften, aber gleichwohl kunstvollen Dokumentationen mit dem US- Gefängnissystem (TOO SOON FOR SORRY) oder mit dem Verhältnis von Markenartikel und Fälschung (KNOCK OFF – DIE RACHE AM LOGO) auseinander und der in Köln lebende Bregenzer Eduard Erne nähert sich immer wieder mit insistierendem Blick zeitgeschichtlichen Themen wie der Traumatisierung durch den Jugoslawienkrieg (INDIRAS TAGEBUCH) oder dem Ulmer Kriegsverbrecherprozess (ULMER PROZESS).
Am weitesten in die Ferne gezogen ist Stephan Settele mit seinem „japanischen” Dokumentarfilm „SCHNEELAND” (1994), doch inzwischen hat sich der in Berlin lebende Dornbirner wieder Vorarlberg genähert, porträtierte collagenartig Edmund Kalb („ERWACHEN AUS DEM SCHICKSAL”) und in einer Kombination von Nähe und Ferne den in China erfolgreichen Dornbirner Keramiker Thomas Bohle (YUANYOU). Von Vorarlberg aus und zusammen mit Vorarlbergern machten sich auch Wolfgang Mörth und Robert Polak, der mit dem 1980 zusammen mit Tone Fink gedrehten JOHNNY UNSER als einer der Väter des Vorarlberger Filmschaffens insgesamt angesehen werden muss, auf die Reise und dokumentierten die Klöstertournee des Spielbodenchors (LOCUS ISTE) ebenso wie momentan die Indienreise einer von Ulrich Gabriel zusammengestellten Gruppe von Musikern. Ferne und Nähe – das ist letztlich auch ein Kennzeichen von Michael Gartners und Alexander Binders Dokumentarfilm über die Palmers-Entführung. Reduziert auf Interviews mit den Tätern und spärliches Archivmaterial zeichnen die Filmemacher die Chronologie der Ereignisse aus Täterperspektive nach. Erst mit der Wiener Studentenzeit des Wolfurters Thomas Gratt und des Oberösterreichers Othmar Keplinger setzt KEINE INSEL – DIE PALMERSENTFÜHRUNG 1977 ein, Kindheit und Jugend bleiben weitgehend ausgespart. – Ein Film über die Stimmung in den 70er Jahren und über den Terrorismus, in dem kein Bild einen Vorarlbergbezug herstellt und dennoch ist dieser durch die Person Thomas Gratts in jeder Sekunde gegeben.
Und neben diesen mehr oder weniger arrivierten Filmemachern lassen auch jüngere Talente mit interessanten, teils experimentellen Kurzfilmen aufhorchen und für die Zukunft hoffen wie die Lustenauerin Veronika Schubert, die gestrickte Bilder abfotografiert und am Computer zu Kurzfilmen zusammensetzt (TELE DIALOG), Philipp Leissing, der in PICTURES AT THE PICTURES mit einer Szene des Brian de Palma-Thrillers DRESSED TO KILL spielt oder Julian Wiehl, der in GLAUBENSKRIEGE die Manipulation in der Mediengestaltung sichtbar zu machen versucht.
Inhaltsverzeichnis
Drehbuch
25 Jahre Vorarlberger Autorenverband
Franz Paul Hammling
Vorspann
Walter Gasperi
Spielfilme Exposés | Drehbuchauszüge
Christian Futscher Drehbüchleins
Wolfgang Schmid 011 Beograd
Julian Wiehl Glaubenskriege
Hans Weingartner Die fetten Jahre sind vorbei
Peter Gersina Im Namen der Braut
Martin Wanko Die reine Seele
Harald Schwarzmann Die Katastrophe
Christian Vuissa Diary of a Sister Missionary
Fabian Lang S. oder vom Schreiben und der Einsamkeit
Rainer Juriatti 47 Minuten und elf Sekunden im Leben der Marie Bender
Wolfgang Mörth Gödels Beweis
Dokumentarfilme Konzepte | Skizzen
Stephan Settele Erwachen aus dem Schicksal
Tone Bechter Die letzten Tage
Robert Polak Was das Zeug hält
SiSi Klocker Die Frau, die Arbeit, die Kunst und das liebe Geld
Kunstvideos Texte | Stills
Gerhard Klocker Divinum Donum
Veronika Schubert Guten Tag Buon Giorno
Renate Djukic NippleJesus
Philipp Leissing pictures at the pictures
Abspann
Daniela Egger
Vorarlberger Literaturstipendium 2007
Christina Zoppel
Die Autorinnen und Autoren