Literatur Vorarlberg

V#17/18 "Junge Stimmen"

Prolog
Daniela Egger

Jeder Text muss enden

Irgendwann ist es unwiderruflich da, das Ende, der dramatische Bogen des Textes neigt sich, seine Bilder fügen sich zu einem Ganzen und entlassen den Leser wieder in seine eigene Welt. Das Ende ist das zentrale Moment einer gelungenen Erzählung. An ihm entscheidet sich, ob der Text weiter lebt, ob seine Sprache Bestand hat und die Bilder lebendig bleiben über den Rand des letzten Wortes hinaus. Am Ende ist der Zweifel überwunden, der am Anfang noch auf der Lauer liegt, das Ende kommt erst nach den Unsicherheiten, den Entscheidungen, und vor allem nach dem geduldigen Abarbeiten eines Textes, der seiner eigenen Dynamik folgt. Wer vorher aufhört, hat den Text nicht beendet. Hat sich möglicherweise zu wenig Gedanken über das Ende gemacht. Denn es war schon da, lange bevor der erste Satz auf dem Papier stand. Eine Erzählung beginnt mit dem Werfen einer Schnur, ein Gewicht an ihrem Ende, damit sie der Schwerkraft folgt. Ein Senkblei auf dem Weg durch Gestein, das sich abtragen lässt, in dem sich schürfen lässt und aus dem sich etwas schaffen lässt. Material findet sich in der Dunkelheit, wohl kaum je hat eine gute Erzählung von Anfang an im gleißenden Sonnenlicht dagestanden, fertig und klar. Das Senkblei wandert nach unten, sinkt und lotet aus, was es an brauchbarem Gestein findet, immer in Erwartung des Grundes, auf den es zusteuert. Solange aus der Tiefe Material ans Tageslicht kommt und dort in Sprache verwandelt wird, ist der Grund schon mitgedacht. Keine Sprache kann ins Bodenlose gehen.

Ein ewig bemühtes Bild ist nur der verzweifelte Schriftsteller und sein dumpfes Starren auf ein leeres Blatt Papier, Synonym für den Beginn. Für die Angst und den Zweifel. Der Zweifel, ob überhaupt eine Geschichte sich hergibt, sich erzählen lassen will. Die Idee, einer Geschichte Herr werden zu können. Nein, man wird einer Geschichte nicht Frau, das geht nicht. Denn zum Wort Frau gehört die Ahnung oder Hoffnung, ein Text möchte sich entwickeln, darauf warten, endlich zu seiner Schriftwerdung zu gelangen. Oder sogar die Idee, dass Geschichten wie Ungeborene auf ihre Geburt warten, wenn die Schreibende nur ihre Sinne für sie öffnet. Wer einer Geschichte Herr wird, schürft nach Gestein und Material, aus dem sich formen lässt, was vorher nicht vorhanden war, auch nicht als Idee. Was steht nun am Anfang des Schreibens, am Anfang nicht nur eines leeren Blatts, sondern eines leeren Lebens? Mit all der Energie und den Ideen, im Aufbruch der Jugend, vor Augen unbeschriebene Blätter, wohin man sich dreht? Es ist das Ende, das den Blick begrenzt, die Energie bündelt, kein Leben kann ins Bodenlose gehen.

Im vorliegenden Band kommen am Anfang Stehende zu Wort. Junge Literatur aus der Region und darüber hinaus, junge Stimmen unter 25 oder kurz danach. Was ihren Blick fesselt und wie sie, was sie sehen, in Sprache oder Bilder setzen. In Erzählungen, Prosa und Fotos, in Satire und Theater. Eine Literaturzeitschrift mit Texten vom Anfang, dem das Ende innewohnt. Die jungen Autoren und Autorinnen haben sich mit ihren Texten auseinandergesetzt, haben sich selbst ausgesetzt und sind dem Senkblei in die Dunkelheit gefolgt. Die Texte, die dabei zu Tage gefördert wurden, lesen Sie auf den folgenden Seiten. Es ist eine Reise in eine lebendige literarische Welt, voller starker Stimmen und junger Blicke. Aus dieser Reihe tanzt, aber nur was das Alter seines Urhebers angeht, der Text Zwischenwasser von Christian Futscher. Als Träger des diesjährigen Literaturstipendiums gebührt ihm ein Platz in der Anthologie von Literatur Vorarlberg. Der Text selbst allerdings reiht sich mühelos ein in die Atmosphäre, die unter den jungen Schreibenden herrscht. Er richtet einen Blick zurück auf seine Jugend in der Heimat, ein Besucher in seiner eigenen Vergangenheit, nicht losgelöst, ganz und gar nicht, sondern ebenso verstrickt wie liebevoll zugewandt den Menschen und Dingen, die seine Herkunft bestimmen. Denn auch der Anfang ist dem Ende immanent. Man wird ihn nicht los, und wenn man ihn sich noch so oft von der Seele schreibt. Aber es lohnt sich in jedem Fall, damit zu beginnen.

Geschichten
Julia Sing

Erste Geschichte, zweite Geschichte, dritte Geschichte

Zweite Geschichte

Zwei Menschen treffen sich auf einem Fest. Ein schöner Mann und eine junge Frau. Sie trinken, werden immer schöner. Sektgläser klirren, der Boden knarzt und die Beleuchtung ist ein wenig zu hell, aber notwendig, um die Bilder an der Wand gut sehen zu können. Ein namhafter Künstler, versteht sich. Und die beiden Menschen stehen und trinken und schauen. Sehen anderen zu und sich nach anderen um, und andere sehen sich nach ihnen um. Jung sind sie, die beiden. Schwarze Haare, seine glatt, ihre voller großer Locken. Ihre Augen braun, seine blau und voller Leben ohne Langeweile, vielleicht ein wenig schwer. Und es konnte nun nicht anders sein, sie hatten sich gefunden. Gar nicht darüber nachgedacht an diesem Abend, denn man lebt im Augenblick. Zumindest diese zwei. Das Spiel muss nicht beschrieben werden. Es erklärt sich von alleine. Jeder weiß, wie so was geht: Er sieht sie und sie sieht weg. Sie geht an ihm vorbei, dem Gastgeber entgegen, nicht ohne ihn nur flüchtig, scheinbar im Moment zu streifen. Und bevor sie zur Anekdote aus dem Leben des anderen lächelt, schließt sie ihre Augen, um sie gerade dann zu öffnen, da sie den Kopf über die Schultern ihm zudreht. Sie sieht ihn an und wieder weg und lächelt dem anderen zu. Die Geschichte braucht die Einzelheiten wirklich nicht. Er fängt ihren Blick inmitten einer Gruppe Mädchen, wo er steht und sich bewundern lässt. Ich nehme an, es dauert über vier Sekunden. Blaue Augen treffen braune Augen, einfach so und ohne Worte. Erst später spricht man. Wenig. Kurz bevor die meisten Gäste gehen, nimmt er sie bei der Hand und führt sie weg von dort an einen anderen Ort. Ich denke, nicht zu ihm nach Hause. Es gibt ein altes Nebenhaus, in dem die Übernachtungsgäste schlafen werden. Hohe Zimmer, dunkler Boden und ein Bad in einem viel zu großen Raum. Neu mit Milchglasscheiben. Würdevoll so im Kontrast zum renovierten Haus, nicht geschmacklos, aber dekadent. Er zieht sie in das eine Zimmer, sie wehrt sich willenlos und ohne Ernst. Später lieben sie wie schöne Menschen eben lieben, jetzt im Fluss des Augenblicks ohne Morgen und doch nicht kitschig oder wie beim ersten Mal. Die Liebe kommt von Herzen, laut, weit gereist aus einem Land, aus dem sie beide sind, in dem es rau ist, vielleicht ehrlich, ganz weit weg von Milchglasscheiben. Eine Vase, sicher teuer, fällt zu Boden, bricht und beide lachen. Ein bisschen ist es wie im Film. Die schönen Menschen. Weiße Vorhänge fallen langsam.

Was er nicht weiß: Er wird der Vater ihrer Tochter. Was man nicht sieht und sie nicht weiß: Er schlief die Nacht zuvor mit einem anderen Mädchen. Die war krank und er jetzt auch.
Hier fängt die Geschichte an.

Inhaltsverzeichnis
Junge Stimmen

Prolog
Daniela Egger

Geschichten
Julia Sing
Laura Scherer
Manuel Tiziani
Bettina Fabjan
Carola Kilga
Kerstin Schudo
Augustin Beckmann
Konstantin Schütz
Maximilian Unschlecht

Satire
Scarlett Mangelberger

Fotos
Axel Öland

Prosa
Andreas Horvath
Dominik Blaas
Christian Feurstein
Verena Rossbacher
Simon Ganahl
Magdalena Hopp
Constantin Göttfert

Drama
Maximilian Lang

Vorarlberger Literaturstipendium 2006
Christian Futscher

Epilog
Roger Vorderegger

Die Autorinnen und Autoren