V#13 "Geld"
Eröffnung
Roger Vorderegger
Der Dinge Dämon oder “Ist nicht das Geld zum Beleben da?”
“Die Leute kennen heutzutage den Preis von jeder Sache und den Wert von keiner einzigen.”
(Oscar Wilde)
I
Zu den auffälligsten Paradoxien des an Paradoxien reichen Kulturgutes Geld rechnet es, daß dieses immer schon aufs höchste verehrt, aber auch aufs höchste verachtet wurde. Wie kaum ein zweites Ding, das die Menschen je erfunden haben, war das Geld immer beides zugleich: Objekt der Begierde und – zumindest bei den feinsinnigeren Zeitgenossen – Objekt des Ekels. “Kein schlimmres Gut erwuchs uns als das Geld!” läßt etwa Sophokles den König Kreon sagen. Und bei Shakespeare ist das Geld eine “gemeine Hure”, die “die Völker tört.” Diese Einschätzung, wir wissen es, hat sich heute etwas gewandelt. Wie in allen Dingen ist auch diesbezüglich unsere Zeit ein wenig nüchterner geworden. Sie verachtet das Geld nicht mehr, weil sie es sich nicht mehr leisten kann. Wir sind zu sehr voneinander abhängig, als daß wir auf das Tauschmittel par excellence – das das Geld neben der Sprache ist – verzichten könnten. Wir brauchen einander, und also brauchen wir das Geld. Und natürlich sind wir längst auch aufgeklärt genug, um zu wissen, daß wir es sind – und nicht das Geld -, die all die abscheulichen Dinge tun, die wir – manchmal – des Geldes wegen tun. Und also verachten wir das Ding nicht mehr, aber wir begehren es noch immer – mehr als wir sollten. Denn nicht nur verstärken wir dadurch unsere Abhängigkeit von dem, was wir begehren – von Ghandi stammt die schöne Sentenz “Reich wird man erst durch Dinge, die man nicht begehrt” -, wir kehren durch eben jene Begierde auch ein Stück weit die Aufklärung wieder um, die uns auch im Hinblick auf das Geld klarer sehen ließ – und läßt. Denn wir wußten längst, daß das Geld nicht auf Bäumen wächst, und doch taten wir, begehrend, oft genug, als wäre dem so – etwa als unsere Phantasie die Börsenkurse von Firmen mit wenig Substanz in völlig unrealistische Höhen klettern ließ. Die Kurse fielen wieder, wie man weiß. Und sie werden wieder steigen. Auch wenn nichts außer der menschlichen Phantasie dieses Steigen – wie umgekehrt oft genug auch das Fallen – rechtfertigt. So zeigt die Börse am anschaulichsten – und Ökonomen wissen das, auch wenn sie oft genug vor jenen Wachstumsphantasien warnen -, daß Geld mehr ist als das, wofür die Ökonomie es hält. Noch immer wohnt ihm – trotz aller Aufklärung – eine magische Aura inne. Denn durch das Geld scheint immer mehr zu geschehen, als von Menschen tatsächlich erarbeitet wird. Ganz abgesehen davon, daß es in der Regel nicht in den Händen derer ist, die tatsächlich hart arbeiten, ob hier oder gar in den Entwicklungsländern. Die Wege des Gelds sind dunkel. Und das beflügelt die menschliche Phantasie. Auf dem Schauplatz Börse zeigt sich dies nur besonders deutlich. Die Kurse steigen und fallen, und mit ihnen vermehrt sich und verschwindet das Geld wie von Zauberhand. Und auch wenn wir wissen, daß wir es sind – und keine höheren Mächte -, die das Spiel bestimmen, für die Spieler bleibt es sich gleich, ist der Effekt immer ein unwägbarer. Denn nicht die Tatsachen, sondern die Meinungen über die Tatsachen bestimmen wesentlich die Wirtschaft. Und in sie fließt auch ein, was sich nicht mehr errechnen läßt, unsere Hoffnungen und Wünsche, unsere Ängste und Begierden. Zudem rechnen wir, gerade wenn es ums Geld geht, im übertragenen und wörtlichen Sinn mit vielem – aber in der Regel eben nicht mit dem Kopf allein.
II
So gibt es zwar gute Gründe, wenn man das Geld heute seinen drei Grundfunktionen nach gewöhnlich als Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und als Recheneinheit definiert. Anthropologisch und philosophisch gesehen aber ist es – die Münzen glänzen nicht umsonst so schön – viel viel mehr. Geld ist der große Phantasieerreger, die Illusion der Illusionen und zugleich die wirklichste aller Wirklichkeiten. Nicht Wissen, Geld ist Macht. Und im Kampf um eben diese ist das Geld beides zugleich, eine Illusion und die Macht, die Wirklichkeit schlechthin. Es ist die “Universalität seiner Eigenschaft”, die, wie Karl Marx es einmal formuliert hat, die “Allmacht seines Wesens” ausmacht. Denn Geld ist auch das Symbol der Symbole. Diese bedruckten Fetzen Papier, diese runden Metallstücke mit einem Bild und einer Zahl darauf, an sich sind sie nichts bzw. kaum etwas – selbst der Metallwert der Münzen, an dem man sich früher noch glaubte orientieren zu müssen, ist längst eine vernachlässigbare Größe , als Ding unter Dingen also sind diese Münzen, diese Papierscheine nichts, und doch stehen sie für alles, was man für Geld eben kaufen kann. Und das war und ist nie wenig. Daher rührt seine Universalität, seine Allmacht. Als universelles Tausch und Zahlungsmittel ist das Geld ein zentrales Verbindungsglied zwischen uns und der Welt, zwischen uns Menschen und – vor allem – zwischen unseren Bedürfnissen und den Gegenständen, zwischen unserem Leben und den Lebens-Mitteln. Dabei geht es um mehr als um die Banalität, daß man für Geld eben manches kaufen kann, und doch geht es letztlich um genau dieses. Denn je mehr ich mir kaufen, je mehr Welt ich mir aneignen kann, um so mächtiger bin ich. Was ich erwerben kann, ist in meinem Besitz, und was ich besitze, über das kann ich nach Belieben verfügen, und worüber ich verfügen kann, das erweitert meine Kräfte, meine Individualität, das bin – letzen Endes – auch ich. Oder nicht? In diesem Sinn heißt es in den “Ökonomisch-philosophischen Manuskripten” von Marx: “So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich, denn die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich (…) bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer.” Was ich nicht durch mich als Mensch vermag, vermag ich durch das Geld. Und kraft des Geldes vermag ich noch viel mehr als selbst der beste aller Menschen ohne Geld vermag. Für die Habenichtse aber bleibt immerhin noch der Trost, daß nicht alles auf der Welt käuflich ist, darunter, wie die Moralisten unter den Dichtern und Denkern nie müde wurden zu betonen, auch so wesentliche Dinge wie Glück, Gesundheit, Geist, Jugend und Liebe. Aber selbst diese Dinge sind, wie man weiß, nicht ganz dem Markt entzogen. Um die Gesundheit reicher Kinder in reichen Ländern ist es in der Regel besser bestellt als um die armer in Entwicklungsländern. Und so weiter. Die Beispiele ließen sich fortführen. So heißt es in Raimunds berühmtem Duett des Fortunatus Wurzel mit der Jugend sicherlich mit Recht: “Jugend kauft man nicht ums Geld.” Und doch – junge Huren sind käuflich, und Schönheitsoperationen, Cremes und Kuren auch. Raimunds “Bauer als Millionär” ist aber noch in einer anderen, wesentlicheren Hinsicht für unser Thema relevant. Es rechnet nämlich zu jenen klassischen Stücken der dramatischen Literatur, die zeigen, daß das Geld in der Regel die Menschen nicht besser, sondern schlechter macht. Denn es macht sie – wie jede Droge – abhängig. Das Geld, so paradox es auf den ersten Blick scheinen mag, führt nicht zu mehr Freiheit, sondern zu mehr Unfreiheit. Und es weckt – so unschuldig ist das Ding also doch nicht – nicht das Edle, sondern das Niedere im Menschen. Diese Botschaft zieht sich durch die dramatische Weltliteratur von Sophokles bis Hofmannsthal. Ersterer hat in der “Antigone” gemeint:
Das Geld hat ganze Städte ausgelöscht, Die Menschen fort von Haus und Hof gejagt, Hat Redliche verführt, das reine Herz Verwirrt und auf den bösen Pfad gebracht, Den Menschen jede Schurkerei gezeigt, Den Sinn für jede Freveltat geweckt.
Letzterer hat in der Allegorie des Mammon im “Jedermann” die Abhängigkeit des Menschen vom Geld sehr klar und einleuchtend gestaltet. Was wir zu besitzen glauben, so eine der zentralen Aussagen des Stückes, besitzt uns, worüber wir vermeintlich gebieten, was uns zu Diensten sein sollte, eben das Geld, beherrscht in Wahrheit uns. Auf Jedermanns “Hab dich gehabt zu meinem Befehl” antwortet Mammon: “Und ich regiert in deiner Seel”. Hofmannsthal selbst hat die Allegorie des Dieners Mammon, “der ein verlarvter Dämon und stärker als ein Herr ist und sich als den Herrn seines Herrn offenbart”, als den Mittelpunkt seines Dramas begriffen. Und in der Tat, wenn die Neubelebung des mittelalterlichen Mysterienspiels gelungen ist – und vieles spricht dafür -, dann vor allem dieser Allegorie wegen. Denn nicht um eine vordergründige Dämonisierung des Geldes geht es hier, sondern um eine anschauliche und psychologisch durchdachte Analyse seiner Wirkung. Hofmannsthals “Jedermann”-Drama zeigt eindringlich, wie sehr das Geld die Beziehungen zwischen den Menschen bestimmt. “Da ist kein Ding zu hoch noch fest, / Das sich um Geld nicht kaufen läßt”, meint der Titelheld und daß er ungerührt alle seine Freunde “kaufen und wiederum verkaufen” könnte. Der Ausspruch aber bestätigt sich ironisch zuerst an ihm selbst, da er sich von allen verkauft sehen muß, weil niemand ihn begleitet. Es ist diese wechselseitige Ironisierung sowie die Austauschbarkeit und Verrechenbarkeit von allem mit allem, wodurch, wie das Stück zeigt, eine vom Geld geprägte Gesellschaft charakterisiert ist. Das Geld setzt alles in ein Verhältnis zu allem, indem es alles zur Ware macht. Und jedes Ding hat auf diesem großen Supermarkt des Lebens seinen Preis. Dadurch verliert es seine Einmaligkeit, seine Aura, es wird austauschbar. Austauschbar aber sind auf diesem Marktplatz auch die Menschen. Das ist nicht nur negativ zu sehen. Wo die Menschen nur als Käufer und Verkäufer auftreten, sind sie in der Tat austauschbar. Problematisch wird es erst, wenn dieses Lebensverhältnis des Marktes das allein bestimmende wird, problematisch, ja moralisch aufs tiefste verwerflich auch, wenn das Kaufen und Verkaufen das Substantielle, Intimste, die Person, betrifft – wie etwa im Fall des Menschenhandels. Darüber braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Ein Detail am Rande aber ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Simmel weist in seiner “Philosophie des Geldes” darauf hin; nämlich daß es in manchen Kulturen durchaus üblich war, “den Wert des Menschen auf einen geldmäßigen Ausdruck zu bringen.” So war etwa die Sühnung des Totschlags durch Geldzahlung zumal in primitiven Kulturen eine durchaus gängige Praxis. Im ältesten angelsächsischen England sei sogar auf die Tötung des Königs ein Bußgeld festgesetzt gewesen; ein Gesetz bestimmte es, so Simmel, auf 2700 sh. Diese Summe war zwar für damalige Verhältnisse so hoch, daß sie im Grunde nicht aufzubringen war. Allein die Tatsache aber, daß ein Gesetz den Wert eines Menschen, noch dazu den des Königs, in Geld angibt, ist bezeichnend genug. Die bekanntesten Formen dieser Quantifizierung des Wertes des menschlichen Lebens stellen die Kaufehe und der Sklavenhandel dar. Erst das Christentum, die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und der Sozialismus sahen diese Quantifizierung des Menschenlebens als verwerflich an. Sie akzentuierten statt dessen die Absolutheit und zugleich Einzigartigkeit des Menschen, jedes Menschen, nur weil er ein Mensch ist. Diese Form des Individualismus markiert den Endpunkt einer Entwicklung, an deren Beginn die Loslösung des einzelnen von der Horde und, damit verbunden, die Beanspruchung eines Für-sich-seins stehen. Wo es allein ums Überleben des Stammes, des Kollektivs geht, ist der Wert des einzelnen Mitglieds in der Tat ein relativer und insofern auch in Geld auszudrücken. Von absolutem Wert ist der einzelne Mensch erst dort, wo er selbst sich diesen Wert auch zugesteht, wo er ein Individualbewußtsein besitzt. Dieses ist uns – nach so vielen Jahren Christentum und Aufklärung – längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Und es würde uns ekeln, den Wert eines Menschen in Geld anzugeben. Ein Blick in die Kulturgeschichte aber zeigt, wie wenig selbstverständlich oft das scheinbar Selbstverständlichste ist, ein Blick in die Geschichte, wie erschreckend niedrig oft genug ein Menschenleben taxiert wurde.
III
Das Taxieren an sich aber, das Werten und Tauschen, das Kaufen und Verkaufen gehören zum Menschsein seit je. Nietzsche, der als Philosoph geradezu paradigmatisch interdisziplinär dachte, unterstreicht, wie grundlegend dieses ökonomische Daseinsverhältnis ist und immer schon war und in einem wie engen Konnex es gerade auch zum philosophischen steht. In seiner “Genealogie der Moral” heißt es: “Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, (…) hat seinen Ursprung in dem ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältniss, das es giebt, gehabt, in dem Verhältniss zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner: hier trat zuerst Person gegen Person, hier mass sich zuerst Person an Person. Man hat keinen noch so niedren Grad von Civilisation aufgefunden, in dem nicht schon Etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar würde. Preise machen, Werthe abmessen, Äquivalente ausdenken, tauschen – das hat in einem solchen Maasse das allererste Denken des Menschen präoccupirt, dass es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist die älteste Art Scharfsinn herangezüchtet worden, hier möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen Stolzes, seines Vorrangs-Gefühls in Hinsicht auf anderes Gethier zu vermuthen sein. Vielleicht drückt noch unser Wort “Mensch” (manas) gerade etwas von diesem Selbstgefühl aus: der Mensch bezeichnete sich als das Wesen, welches Werthe mißt, werthet und mißt, als das ‚abschätzende Thier an sich’.” Mit dem Geld erfand dieses abschätzende und wertende Tier sich das adäquate Mittel, alles in ein Verhältnis der Vergleichbarkeit zu bringen, indem es jedem Ding einen Preis zuschrieb. Unser Leben verläuft in Wertgefühlen, und es verliefe in solchen auch ohne das Geld. Dieses aber wirkt in seiner Handhabung auf die menschliche Gesellschaft rechenhaft, rationalisierend und abstrahierend zurück. Wo wir die Zahl haben, bedürfen wir des Bildes nicht mehr. Und für so vieles kann die Zahl stehen, so praktisch und einfach zu handhaben ist sie in einer Gesellschaft, die des Tausches bedarf, daß sie sich einfach durchsetzen mußte – auch um den Preis des Bildverlusts. Psychogenetisch hängt die Entwicklung des abstrakten Denkens aufs engste mit der Einführung und dem Gebrauch des Gelds zusammen. Und der ist uns heute so selbstverständlich geworden, daß wir diese Zusammenhänge leicht übersehen, leicht übersehen, wie eng das Geld an die Kulturentwicklung gekoppelt ist, wie sehr die Geschichte des Geldes auch die Geschichte des Geistes reflektiert. Diese führt vom mythischen Bild zum abstrakten Begriff und von einem Weltverhältnis der Qualität zu einem solchen der Quantität. In eben der Weise ist auch das Geld zu einem reinen Zahlungs- und Verrechnungsmittel geworden, losgelöst vom Metallwert der Münzen, losgelöst auch vom (ursprünglich sakralen) Symbolgehalt des Bildes. Der griechische Geist noch, ich zitiere hier aus Gebharts “Numismatik und Geldgeschichte” hat “Münzgeld, dessen Wert nicht grundsätzlich auf den Metallwert gestellt ist, nicht gekannt. (…) Niemals wird hier die Münze Zeichen mit gleichgültigem Substanzwert. Das Zeichenhafte, die Form, die Prägung hat nur den Sinn, den Stoff, den Gehalt zu bestätigen.” Mit dem Prägestempel aber war freilich technisch schon die Voraussetzung gegeben, das Geld als Recheneinheit vom Substanzwert der Münzen zu lösen. Er mußte aus rein praktischen Gründen und im Zuge der wirtschaftlichen Weiterentwicklung der Gesellschaften früher oder später wichtiger werden als das Metall selbst. In dem Sinn tritt “das spezifische quale immer mehr vor dem quantum zurück” (Simmel). Das Symbol wird zum Zeichen, das Geld zum Zeichengeld. Daß auch die Zahl selbst nicht immer nur eine reine Recheneinheit war, vielmehr ursprünglich numinosen Charakter hatte – im Numerus ist ja auch sprachlich noch ein Numen enthalten , als Ordnungselement des Kosmos, bei Platon als Idee figurierte und noch in der Kabbala und der Alchimie aufs engste mit numinosem Erleben verbunden war, bestätigt nur diese Entwicklung. Sie ist nicht grundsätzlich zu bedauern, so wenig wie der Weg vom Mythos zum Logos primär als Verlust von etwas aufgefaßt werden sollte. Aber es ist interessant zu sehen, wie eng Prozesse dieser Art mit dem Geld und seiner Geschichte verbunden sind. Die Münze vereinigt ja auch beides, Qualität und Quantität, das Bild und die Zahl. Bezeichnend aber, daß uns längst nur mehr die Höhe der Zahl und nicht der Symbolgehalt des Bildes interessiert, bezeichnend auch, daß das Bild, das Bild auf der Münze, auf dem Schein, heute zwar nicht funktionslos, als Symbol aber leer ist. In der griechischen Antike war es genau umgekehrt. Nicht nur, daß in der Regel nur Bilder, keine Zahlen geprägt wurden, die Bilder waren auch Symbole, die als solche erlebt wurden. Auf den Münzen “waren die tierischen Schutzpatrone des jeweiligen Gemeinwesens abgebildet, der lydische Rabe, die Schildkröte von Argos, die Eule von Athen, die Bienen von Ephesos, das Fohlen von Korinth (…) das Pferd von Makedonien. Auch konnten die Münzen das Antlitz einer Gottheit zeigen. In Knidos war es Aphrodite, in Syrakus Nike, in Elis Zeus … Aber ob Tier oder Gott, die Abbildung hatte immer eine mystische und magische Bedeutung.” So Sedillot in seiner “Geschichte des Geldes”. Die magische Bedeutung des Bildes ist längst verschwunden, die des Geldes nicht. Was in die Münzen projiziert wurde, lebt in ihnen fort. Das Geld, das aus der sakralen Sphäre stammt, ist heute selbst zur Religion geworden. So verweist das Bild auf der Münze zwar auf keine Gottheit mehr, aber es verweist auf sich selbst. In seiner Form hat das Geld die vielfältigsten Verwandlungen durchgemacht, in seinem Gebrauch ist es heute vollkommen funktional und abstrakt geworden – man bezahlt mit Kreditkarten -, aber in dem, was es essentiell ausmacht, ist es immer noch und vor allem Projektionsträger menschlicher Gefühle. Es braucht viel, damit das kalte Geld einen kalt läßt. Im Grunde aber kann es einen auch nicht kalt lassen, weil an seiner Verteilung wesentlich auch die Gestaltung dieser Welt hängt. “Ist nicht das Geld zum Beleben da?” fragt Novalis. Und er hat recht. Wenn aber – wie derzeit – immer mehr Geld in die Hände von immer weniger Menschen wandert, verliert es seine belebende Wirkung. Dagegen gilt es aufzubegehren. Rechtzeitig. Neben und nach der Sprache – denn es kann ohne diese nicht sein – ist das Geld sicherlich eine der bemerkenswertesten Erfindungen der Menschheit überhaupt. Hier das Denk, dort das Wertzeichen. Und beide, der Buchstabe wie die Münze, stehen für Abwesendes, das sich aber potentiell auch in eine unendliche Anwesenheit, eine unendliche Gegenwart verwandeln kann.
In diesem Sinn sei auch auf die in diesem Band versammelten Texte verwiesen. Mögen sie sich in Anwesenheiten verwandeln, auch in Werte. Sie dokumentieren, daß zumal für die Schriftsteller – ganz abgesehen davon, daß sie in der Regel zu wenig Geld haben – eben dieses immer mehr ist als eine Recheneinheit, eine Währung oder ein Tauschmittel, daß es für sie vor allem auch als Projektionsträger reflektierter Gefühle von Interesse ist. Wie unterschiedlich die Autoren auf das Thema reagiert haben, ist frappant und wunderbar zugleich. Und auch, wie viele Aspekte sie dem Phänomen Geld abgewinnen konnten, dem Geld, das, wie Jünger einmal gemeint hat, “zu den großen Geheimnissen der Welt gehört.”
Inhaltsverzeichnis
Geld
Eröffnung
Roger Vorderegger
Zeichnungen
Christoph Abbrederis
Bettelbrief
Christian Futscher
Essay
Franzobel
Günther Robol
Prosa
Georg Danzer
Wolfgang Hermann
Christoph Keller und Heinrich Kuhn
Elisabeth Klocker
Raphael Aloysius Lafferty
Mathias Ospelt
Ingrid Puganigg
Bild/Text
Rainer Ganahl
Helmut King
Dramatik
Kurt Bracharz
Jürgen-Thomas Ernst
Lyrik
Franzobel
Franz-Paul Hammling
Jan Heller Levi
Gerhard Ruiss
Vorarlberger Literaturstipendium 2004
Gabriele Bösch
2. Feldkircher Lyrikpreis
Elsbeth Maag
Knut Schaflinger
Lisa Mayer
Neu vorgestellt
Bettina Fabjan
Maximilian Lang
Abschluss
Wolfgang Mörth
Die Autorinnen und Autoren