V#12 "Liebesspiele"
Vorspiel
Wolfgang Mörth
“Als es zu heiß wurde, um noch länger zu spielen, gingen wir gemeinsam schwimmen.”
(Rosamunde Pilcher)
“Meine Schwester Nonie bietet mich oft Mädchen an, die mit ihr spielen wollen – sie dürfen mit mir spielen, Familie spielen.”
(Harold Brodkey)
Ich persönlich habe mir eigentlich vorgenommen, zumindest privat nie mehr über das Thema Liebe nachzudenken. Schon allein der Umstand, dass Liebe zum Gegenstand meines Nachdenkens wird, hat gewöhnlich nichts Gutes zu bedeuten. Das Nachdenken über die Liebe, das ist meine private Erfahrung, ist immer mit Schmerzen verbunden, besonders mit solchen in der Magengegend, und wenn mein Magen mitdenkt, dann hat das meist mit anderen Themen zu tun, zum Beispiel mit Hunger oder Völle oder Angst. Das heißt, über Liebe denke ich nur vorher nach oder nachher oder wenn sie sich schon längst in eine Bedrohung verwandelt hat. Denke ich nicht über die Liebe nach, dann bin ich entweder von irgendwelchen Tätigkeiten abgelenkt, oder aber ich lebe glücklich, um nicht zu sagen blind und taub, gewissermaßen örtlich betäubt, unter ihrem wonnigen Einfluss. Diese Taubheit und Blindheit wird, und das hat die Natur äußerst perfide eingerichtet, in der Regel mit ganz besonderer Klarheit verwechselt. Mir zumindest geht es so. Ist meine Ratio von der Liebe befallen, dann überwiegt in meinem Bewusstsein die Fähigkeit, die Welt und mein Dasein darin wohlwollend und selig lächelnd zu beobachten, selbst wenn ich dabei im schlimmsten Fall der eigenen Vernichtung beiwohne. Die Liebe pur ist aber nicht nur ein einigermaßen gefährlicher Zustand für den Menschen, sondern auch ein gefährliches Thema für den Schreibenden. (Auch im Hinblick auf meine eigenen Ausführungen möchte ich gerne die ironisch bittere Bemerkung Andrew Solomons aufgreifen, der das Schreiben über die Depression mit dem über die Liebe vergleicht, denn beides sei nur in Klischees möglich.) Diese Gefahr war uns von vornherein bewusst, besonders als wir kurz mit dem Gedanken spielten, das nackte Wort Liebe als Titel auf den Umschlag der Nummer zu setzen. Liebe, das wäre der Everest unter den Titeln gewesen: große Herausforderung, große Höhe, große Visionen unter dem Einfluss von dünner Luft; gleichzeitig aber auch das Gegenteil: der Ort, an dem jeder irgendwann auftaucht, das Jesolo der Erfahrungen, auf allen Kanälen “e-mail für Dich”, in jedem von uns ist das fünfte Element wirksam, die Erlöserbotschaft, der Fortpflanzungstrieb. Lässt man das Wort Liebe unbeaufsichtigt, dann paart es sich heimlich mit anderen Achttausendern wie Glaube, Hoffnung, Wahrheit oder Natur, aber auch mit Gänseblümchen wie Traumhochzeit und Kindergarten, Meg Ryan und Tom Hanks. Sie ist entweder eine emotionale Spitzenleistung, eine rührselige Kundgebung oder eine genetische Zwangsläufigkeit, und für die gebrannten Kinder reagiert sie mit Kummer, Entzug und Schmerz (ich habe es eingangs erwähnt) zu einer der fürchterlichsten Prüfungen psychischer und physischer Leidensfähigkeit. Im Gegensatz dazu machte uns die Kombination Liebe und Spiel sofort glücklich. Die Vielfalt der möglichen Geschichten hat uns interessiert. Wir wollten sehen, welche Strukturen sichtbar werden, wenn der Begriff Liebe unter dem Aspekt des Spiels neu ausgeleuchtet wird. In Gedanken ließen wir die beiden Worte aufeinander los, und je nach gewähltem Tempo waren auf der Skala zwischen total kultiviert und total skandalös jede Menge Spaltprodukte unterschiedlichen Frivolitätsgrades zu erwarten. Die Erwartungen sind erfüllt worden: Es liegt eine Sammlung von Arbeiten vor, in denen mit der Sprache der Liebe gespielt, vom Spiel mit der Liebe erzählt und auf mitunter schonungslose Art das Regelwerk fragwürdigen Liebesspiels erläutert wird. In diesem Zusammenhang sei besonders der Text “Dolores und Paul” erwähnt, dessen Autorin aus durchaus verständlichen Gründen anonym bleiben möchte. Diese Geschichte berührt nicht nur durch die extrem offene Schilderung eines sexuellen Grenzgangs, sondern auch durch eine Sprache, die diesem heiklen Thema auf natürlich Art gerecht wird. Auf der einen Seite glaubt man den sachlichen Tonfall einer Zeugenaussage zu hören, auf der anderen die wärmende Ansprache eines persönlichen Briefes. Ebenfalls erstmals in gedruckter Form veröffentlicht werden in diesem Band Texte der drei jungen Vorarlberger Autoren Dominik Blaas, Marc Gratzer und Marion Mangold. Je nach Temperament haben sie sich dem Thema auf unterschiedliche Art angenähert. Blaas analytisch, Gratzer leidenschaftlich und Mangold in Form einer Prosa-Miniatur, die eine vielleicht entscheidende Feststellung ganz beiläufig enthält: “… ich bin keine Spielerin. Und doch bin ich jetzt hier.” Weil der Dank an jeden einzelnen für die Teilnahme an dieser Nummer zu monoton ausfallen würde, tue ich es stellvertretend im Fall der beiden Gäste aus Kuba recht herzlich, nämlich Reina María Rodríguez und Juan Carlos Flores, die mit ihren Gedichten hier vertreten sind, und vor allem bei Friedericke Mayröcker, über deren Mitwirken wir sehr froh sind.
Inhaltsverzeichnis
Liebesspiele
Vorspiel
Wolfgang Mörth
Zeichnungen
Alissa Walser
Essay
Jörg Unger
Viktor Jerofejew
Prosa
Bettina Galvagni
Peter Henning
Bettina Klix
Erika Kronabitter
Bericht
anonym
Bilder
Swetlana Heger
Kurz und dramatisch
Christian Futscher
Ulrich Horstmann
Martin G. Wanko
Neu vorgestellt
Dominik Blaas
Marc Gratzer
Marion Mangold
Herzsprünge – Gedichte
Friederike Mayröcker
Ron Winkler
Sabine Eschgfäller
Christoph W. Aigner
Ulrich Gabriel
Udo Kawasser
Reina María Rodríguez
Juan Carlos Flores
Nachspiel
Roger Vorderegger
Die Autorinnen und Autoren